Die großen Cloud-Anbieter haben im dritten Quartal 2026 einen historischen Meilenstein erreicht – allerdings einen, der Investoren zunehmend nervös macht. Amazon, Alphabet, Microsoft, Meta und Oracle investierten zusammen 237,3 Milliarden Dollar in Infrastruktur. Das sind 95 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Doch eine Zahl verändert die Bewertung fundamental: Der Free Cash Flow ist bei drei der fünf Hyperscaler negativ geworden.
Von Capex-Boom zu Cash Flow-Krise
Die Zahlen im Detail: Alphabet, Meta und Oracle gaben im Quartal mehr für Rechenzentren, Server und Chips aus, als ihre operativen Geschäfte an Cash generierten. Amazons Trailing Twelve Month Free Cash Flow liegt mittlerweile bei minus 42,4 Milliarden Dollar. Nur Microsoft finanziert den Ausbau noch aus laufenden Einnahmen – und selbst dort lag das tatsächliche Capex unter der eigenen Prognose, weil Drittanbieter-Kapazitäten verspätet geliefert wurden.
Zum Vergleich: Im Vorjahresquartal investierten dieselben fünf Unternehmen zusammen 121,9 Milliarden Dollar – weniger als die Hälfte. Der Anstieg ist fast ausschließlich auf AI-Workloads zurückzuführen.
Die Capex-Entwicklung im Detail
Amazon führt mit 77,3 Milliarden Dollar (plus 120 Prozent), gefolgt von Alphabet mit 51,4 Milliarden (plus 114 Prozent). Microsoft investierte 45,2 Milliarden (plus 30 Prozent, buchhaltungsbereinigt faktisch mehr), Meta 34,9 Milliarden (plus 80 Prozent) und Oracle 28,5 Milliarden (plus 235 Prozent).
Für 2027 kündigen alle fünf Unternehmen "deutlich höhere" Investitionen an. Amazons CFO formuliert es direkt: "Wir werden mehr ausgeben, weil die Nachfrage schneller wächst als unsere Kapazität." Oracle plant 2027 mit doppelt so hohen Investitionen wie 2026.
GPU-Knappheit als Treiber
Die Knappheit ist real. Microsoft bestätigt Verzögerungen bei GPU-Lieferungen, Meta musste zwei große Campus-Projekte pausieren, weil Nvidia H100-Chips nicht verfügbar waren. Oracle wartet noch auf Server für drei angekündigte Cloud-Regionen. Amazon gibt an, dass ein Teil des Capex in "Pre-Commitments" floss – also Anzahlungen für Hardware, die erst 2027 ausgeliefert wird.
Die Prognosen sind eindeutig: Selbst bei optimistischster Hochrechnung wird die GPU-Produktion bis Ende 2027 nicht mit der Nachfrage gleichziehen. TSMC hat die Produktion von CoWoS-Packaging – notwendig für AI-Chips – verdoppelt, kann aber frühestens Q2 2027 weitere Kapazitäten aktivieren.
Investor Relations unter Druck
Bei Earnings Calls fragten Analysten direkt nach ROI-Zeitplänen. Alphabets CFO gab zu, dass "substanzielle Umsätze aus AI-Workloads erst 2028 erwartet werden". Meta prognostiziert Return on Investment "nicht vor 2029".
Trotzdem verteidigen alle Firmen die Strategie. Microsofts CEO formuliert die Angst deutlich: "Wenn wir jetzt nicht investieren, verlieren wir Marktanteile, die wir nie zurückgewinnen." Amazon verweist auf Kubernetes-Workloads: "Vor fünf Jahren fragten Investoren dasselbe über Container-Infrastruktur. Heute generiert EKS Milliarden."
Ausblick: Strukturelle Veränderung
Die Dynamik verändert fundamentale Annahmen über Cloud-Geschäftsmodelle. Traditionell waren Hyperscaler Cash-Maschinen – hohe Margen, schnelles Wachstum, exzellente Free Cash Flow Conversion. Jetzt funktioniert das Modell wie ein Infrastruktur-Unternehmen: Hohe Vorlauf-Investitionen, lange Amortisationszeiten, Erfolg hängt von Auslastung über Jahre ab.
Für 2027 zeichnet sich ab: Die Investitionen werden weiter steigen. Nvidia kündigte bereits Blackwell-Chips für Q1 2027 an – teurer, leistungsstärker, und alle fünf Hyperscaler haben Großaufträge platziert. Die Frage ist nicht mehr, ob der Capex steigt, sondern wann Cash Flows wieder positiv werden.
Quellen:
Amazon Q3 2026 Earnings Report, Alphabet Q3 2026 Earnings Call Transcript, Microsoft Q3 FY2026 Earnings, Meta Q3 2026 Financial Results, Oracle Q1 FY2027 Earnings, TSMC Q3 2026 Technology Symposium.